Warum wir mehr über Kaffee reden müssen

Auf einen Kaffee mit... Benjamin Gröschel von der Münchner Kaffeerösterei

Durch die Corona Pandemie wurde so mancher Kaffee kalt. Wochenlang konnten Röstereien ihre Mischungen nicht über die Ladentheke verkaufen. Cafés und Restaurants mussten schließen und haben deshalb keine Bohnen mehr gekauft. Und auch in zahlreichen Bürogebäuden verstaubten die Kaffeemaschinen in Zeiten von Home-Office. Kurz: Corona hat auch die Kaffeewelt auf den Kopf gestellt und viele Röstereien in einen täglichen Kampf ums wirtschaftliche Überleben geworfen.

Die Münchner Kaffeerösterei ist nicht die klassische Rösterei, wie sie im Buche steht. Im Gegenteil: Sie beweist, dass man für das ultimative Kaffee-Erlebnis nicht unbedingt nach einer kleinen, ländlichen, in Familientradition gehaltenen Premiumrösterei irgendwo im Nirgendwo suchen muss, sondern die perfekte Tasse Kaffee auch plötzlich dort vor einem stehen kann, wo man es am wenigsten erwartet - sei es bei einem Messebesuch, bei einer Firmenfeier, oder bei einem anderen Event. Ihre Mission ist es, Menschen mit und durch Kaffee zu verbinden. Und das schafft die Münchner Kaffeerösterei neben Seminaren und Talks vor allem mit ihrer mobilen Kaffeebar, mit der sie Spitzenkaffee auf zahlreiche Großevents bringt. Auf der Frankfurter Buchmesse wird der Bestseller dank ihr schnell mal zur Kaffeelektüre. Auf der Innovationskonferenz „Digital, Life, Design“ (DLD) sorgt sie mit dem Geschmack ihres Kaffees jedes Jahr aufs Neue für Inspiration. Und auf der Gründerkonferenz „Bits and Pretzels“ hatten schon Weltstars wie Jessica Alba, Sebastian Vettel, oder Barack Obama die Chance, ihren Kaffee zu kosten. Doch das war vor Corona.

Wir haben uns mit Benjamin Gröschel, einem der Gründer der Münchner Kaffeerösterei, auf einen Kaffee via Videochat verabredet. Im Interview mit roestfrisch.com verrät er uns, warum Corona zeigt, dass wir uns mehr und bewusster mit Kaffee auseinandersetzen müssen und wie die Münchner Kaffeerösterei es geschafft hat, ihr Geschäftsmodell der Krise anzupassen. Ein Gespräch voller Motivation, Optimismus und Liebe zum Kaffee.


Das Gründerteam der Münchner Kaffeerösterei: Michael Stransky, Steven Mc Auley, Benjamin Gröschel und Viktoria Hentzschel (von links nach rechts; Foto: Walter Weber) Das Gründerteam der Münchner Kaffeerösterei: Michael Stransky, Steven Mc Auley, Benjamin Gröschel und Viktoria Hentzschel (von links nach rechts; Foto: Walter Weber)

Anfang März wurde relativ schnell klar, dass Corona nicht nur den stationären Einzelhandel und die Gastronomie vorübergehend lahmlegt, sondern eben auch sämtliche Großveranstaltungen und Events in naher Zukunft abgesagt werden müssen...

Wie habt ihr auf diese Hiobsbotschaft reagiert?

Als die ersten Absagen reingekommen sind, hat sich recht bald abgezeichnet, dass das jetzt erst einmal unbequem wird. Aber es ist nicht so, dass man sich dann denkt: Oh Gott, jetzt ist es vorbei. Klar: Das Veranstaltungsgewerbe liegt gerade auf Eis und unsere mobile Kaffeebar staubt gerade im Keller ein. Aber auf der anderen Seite ist man ja auch nicht Start-up, weil man sein eingefahrenes Geschäftsmodell so gerne weiterpeitscht, bis es tot ist, sondern erfindet sich kontinuierlich neu. Wir arbeiten gerade an vielen neuen Formaten, für die vorher keine Zeit war, obwohl wir darauf eigentlich Bock gehabt hätten. Das ist ein Mehrwert, den wir schaffen, der weit über diese Corona-Zeit hinausgeht.

Wie genau hat Corona euer Geschäftsmodell geändert?

Am Ende des Tages ist unsere Mission: Wir wollen uns mit Menschen über Kaffee austauschen. Und wir wollen Menschen durch Kaffee zum Austausch miteinander anregen. Das machen wir jetzt nicht mehr in erster Linie Face-to-Face, sondern digital. Wir haben z.B. unsere Kaffeeseminare komplett digital umgestellt. Wir schicken im Vorfeld Verkostungskaffees zu und können dann mit den Teilnehmern zusammen das Kaffeeseminar aufziehen, obwohl jeder einzelne bei sich zu Hause in der Küche sitzt. Und das ist cool, weil du dich dann nicht – wie sonst bei Skype oder Zoom – nur siehst und hörst, sondern auch weitere Sinneseindrücke teilst: Du teilst den Geruch und den Geschmack vom Kaffee. Der Effekt bleibt also der gleiche. 

"In dem Moment, wo du zwei Tassen Kaffee zwischen zwei Leute stellst, änderst du die Chemie im Raum. Das Gesprächsthema ändert sich."

Was ist das für ein Effekt?

In dem Moment, wo du zwei Tassen Kaffee zwischen zwei Leute stellst, änderst du die Chemie im Raum. Das Gesprächsthema ändert sich. Es hat einen Grund, warum wir sagen: „Lass mal auf einen Kaffee treffen“, obwohl wir damit eigentlich meinen: „Lass uns mal eine Unterhaltung führen.“ Das ist ein psychologischer Faktor, der im Home-Office wichtiger denn je ist. Deshalb setzen uns auch immer mehr Unternehmen fürs Team-Building im Home-Office ein. In dem Moment, in dem ich zwei Leute mit zwei Tassen Kaffee vor den Rechner setze, schaffe ich ein Erlebnis das weit vom ganz normalen Video-Call entfernt ist. Die Leute fangen in unseren Seminaren an, über Kaffee zu reden, aber das ist nur der Startpunkt. Worum es wirklich geht, ist, was das für die Kommunikation im Team allgemein – auch bezüglich ganz anderer Themen – bedeutet. Und dieser Grundgedanke, Menschen durch Kaffee miteinander zu verbinden, geht über räumliche Distanzen hinaus. Und damit bedienen die digitalen Formate, die wir haben, genau den gleichen Bedarf und Grundgedanken wie die physischen Kaffee-Seminare, die wir davor auch hatten und in Zukunft auch wieder haben werden. Leute verbinden durch eine gemeinsame Leidenschaft. Durch Kaffee. 

Wir haben diesen Videocall vereinbart, um über Kaffee zu reden. Warum ist das so wichtig?

In einer Welt, in der wir so vernetzt leben und uns durch die Globalisierung auch ohne großen Aufwand unterschiedlichste Konsumgüter aus der ganzen Welt zur Verfügung stehen, wird es immer schwerer, einen Durchblick zu haben. Wenn im Alpenraum die Milchbauern auf die Straße gehen, weil sie von den aktuellen Milchpreisen nicht mehr leben können, dann sehen wir das und dann ändert sich auch was. Aber diese Möglichkeit hat der Kaffeebauer in Peru, Vietnam, oder Äthiopien nicht auf die gleiche Weise, weil einfach so eine große Distanz herrscht. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns insbesondere bei Lebensmitteln mit so einer langen Wertschöpfungskette auf eine andere Art und Weise mit dem Produkt auseinandersetzen. Das ist eine Verantwortlichkeitsfrage in meinen Augen. Siegel wie Fairtade- und Bio-Siegel sind da gute Ansätze, aber eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Produkt muss darüber hinausgehen. Wir haben ja auch bei so langen Wertschöpfungsketten die Möglichkeit, zu schauen, wo das Produkt herkommt, wie dort die Bedingungen sind und welche Kultur ich in den Anbauländern auch mit meinem Konsumverhalten ermögliche.

"Wenn wir die Corona-Krise hier schon so stark merken – wie schaut es denn dann eigentlich in anderen Ländern aus..?"

... und warum ist es gerade jetzt – in Zeiten einer weltweiten Pandemie – so wichtig, über Kaffee zu reden?  

Als die Leute angefangen haben, Hamsterkäufe zu tätigen, gab es zwar einen großen Nachfrageboost an Produkten wie Kaffee, aber nicht im High-End-Segment. Da ging es um Billigwaren. Und damit wurden die Billigprodukte auf dem Weltmarkt noch einmal stärker gehebelt, während Premiumprodukte in den Hintergrund treten. Aber gerade in diesem Billigsegment arbeiten viele Bauern schon lange nicht mehr nachhaltig oder kostendeckend. D.h. diese Entwicklung hat für noch geringere Preise gesorgt. 

Auf dem Kaffeemarkt sinken die Preise seit 2016 massiv. Wenn du dir den Preisdurchschnitt der letzten 10 Jahre anschaust, liegen wir momentan ca. 30% unter diesem Durchschnitt. Das hat verschieden Gründe wie volkswirtschaftliche Gründe und eine Überproduktion in den Anbauländern; aber eben auch eine sehr große Nachfrage nach Billigst-Lebensmitteln in den Konsumländern. Durch dieses Konsumverhalten haben wir in den Anbauländern eine Kultur geschaffen, die viele Kaffeebauern schon jetzt in einen existenziellen Notstand hineindrängt. Die verkaufen teilweise unter den Herstellungskosten. Und dann kommt plötzlich eine weltweite Corona-Krise, die in unterschiedlichste soziale Gefüge einschlägt. Deutschland hat soziale Sicherheitsnetze und Hilfsprogramme, die es uns erlauben, große Teile unseres Mittelstands und der Kleinunternehmer am Leben zu halten. Diese Möglichkeiten gibt es in den Anbauländern nicht. Aber für die Situation, dass viele Kaffeebauern nur sehr wenig Rücklagen aufbauen konnten, tragen wir als Konsumenten mit Verantwortung. Wir sollten uns besonders jetzt die Frage stellen: „Wenn wir die Corona-Krise hier schon so stark merken – wie schaut es denn dann eigentlich in anderen Ländern aus, in denen es z.B. um die staatliche Hilfe noch einmal grundlegend anders bestellt ist?“ Wenn du nach Peru schaust: Da schreitet der Staat nicht ein. Da müssen die Bauern selbst schauen, wie sie sich über Wasser halten.

Nur mit Maske. Die Kaffeewelt in Zeiten von Corona (Bild: David Emrich) Nur mit Maske. Die Kaffeewelt in Zeiten von Corona (Bild: David Emrich)

Wie adressiert ihr diese Themen in euren Kaffeeseminaren?

In unseren Kaffee-Seminaren geht es uns nicht darum, wie man die schönste Blume auf seinen Cappuccino gießt, sondern ein Verständnis dafür zu schaffen, was für eine ellenlange Wertschöpfungskette da hinten dranhängt, die den kompletten Globus umspannt. Unser Konsumentenverhalten hat nicht nur einen Einfluss darauf, wie es den Leuten auf den Kaffeefarmen geht, sondern – um diesen Kreis zu schließen – auch darauf, was ich an Qualität in die Tasse bekomme. Darum geht es bei uns. Denn dieses Verständnis findet in Deutschland leider noch nicht so wirklich statt, wenn es um Kaffee geht. Immer mehr, aber noch nicht genug.

"Bei Eiern z.B. haben wir  längst nationale Standards... Warum? Eine Salmonellenvergiftung ist unangenehmer als eine schlechte Tasse Kaffee."

Wie schätzt du diesbezüglich die aktuelle Lage in Deutschland ein?

Was ein Bewusstsein für die Produktqualität angeht, hängen wir mit Kaffee echt hinterher. Bei Fleisch oder Eiern z.B. haben wir ja längst nationale Standards, die die Herkunft von dem Produkt klar aufdröseln. Warum? Weil die Lebensmittelskandale, die damit einhergehen, deutlich schwerer wiegen. Eine Salmonellenvergiftung ist unangenehmer als eine schlechte Tasse Kaffee. Da ist ein größerer Impuls gegeben, solche Standards durchzusetzen. 

Aber: Grundsätzlich gibt es seit einiger Zeit einen Trend in Deutschland, sich mit Lebensmitteln aller Art tiefgreifender auseinanderzusetzen. Das gilt auch für Kaffee. Und ich hoffe wirklich, dass sich das durch Corona nicht ändert. Denn wenn auch im Verbraucherland eine Krise aufkommt, die dafür sorgt, dass wir uns wieder stärker auf uns selbst fokussieren und Themen wie verantwortungsbewusster Konsum wieder schwerer fallen, dann kann es sehr schnell passieren, dass diese Themen wieder in den Hintergrund treten.

Vorübergehend geschlossen: Wenn durch Corona der Kaffee kalt wird... (Bild: Tom Mossholder) Vorübergehend geschlossen: Wenn durch Corona der Kaffee kalt wird... (Bild: Tom Mossholder)

Wie können Kaffeeliebhaber*innen, denen es selbst gut geht, Röstereien in Corona-Zeiten unterstützen?

Fast jeder Röster arbeitet gerade daran, sein Leistungsportfolio den Leuten zur Verfügung zu stellen, obwohl er nicht über seine Ladenfläche verkauft. Fast jede Rösterei hat in kürzester Zeit einen Online-Shop oder einen Verkauf über Amazon und Co. aus dem Boden gestampft, um ihre Produkte auch weiterhin verkaufen zu können. Und am Ende vom Tag geht es vor allem darum. 

Das Bewusstsein dafür, was es für die Röster bedeutet, wenn die Büro-Lieferungen wegbrechen, die Gastronomie wegbricht, etc. sollte zu der Erkenntnis führen: „Warte mal: Wenn ich Home-Office mache und nicht mehr Essen gehe, dann brauch ich den Kaffee ja jetzt daheim.“ Und dann ist es relativ einfach, diese Gewerbe zu unterstützen, indem man bei ihnen bestellt. Es geht nicht darum, den Röstern Geld zu spenden. Jeder Röster freut sich darüber, wenn man ihn anschreibt oder anruft und fragt, wie man seinen Kaffee jetzt am besten beziehen kann, weil man diesen Kaffee so sehr mag und ihn gerne auch daheim trinken würde.

Was ist euer bisheriges Fazit aus der Corona-Zeit?

Für uns hieß Corona vor allem Wandel. Den haben wir aber in relativ kurzer Zeit anstoßen können. Jetzt gerade halten wir uns über Wasser, aber der Push geht nach vorne. Wir haben eine Perspektive. Mir geht es darum, mit Leuten über Kaffee hinaus ins Gespräch zu kommen und unseren Beitrag dazu leisten zu können, dass sich das Kaffee-Konsumverhalten in Deutschland ändert. Ob ich das Face-to-Face mache oder in einem virtuellen Format mache, ist für mich zweitrangig. Ich finde es sogar schön, dass uns virtuelle Formate erlauben, so viel mehr Leute zu erreichen. Da bin ich – vorsichtig gesagt – optimistisch. 

Aber das lässt sich bei uns auch einfacher sagen, weil wir eben keine Gastronomie bzw. keinen Laden hinten dranhängen haben, für den die Miete bezahlt werden muss und wir dadurch geringere Fixkosten haben.

Wird die Kaffee-Welt nach Corona eine andere sein?  

Auf Kaffee als Produkt wird Corona keinen großen Einfluss haben. Kaffee ist einfach ein soziales Schmiermittel. Der Stellenwert, den Kaffee innerhalb unserer Gesellschaft hat, der wird sich auch durch Corona nicht verändern. Über 90% der Deutschen trinken Kaffee. Jeder hat einen Bezug dazu. Selbst die Leute, die keinen Kaffee trinken, sagen nicht: „Ich hasse Kaffee“, sondern die sagen: „Ich rieche ihn halt gerne“. Kaffee ist extrem emotional aufgeladen. Das geht nicht einfach verloren. 


Bildquellen: Münchner Kaffeerösterei (Walter Weber), David Emrich, Tim Mossholder

roestfrisch.com Team
Artikel von roestfrisch.com Team
Kaffeeröstereien in Deutschland Veröffentlicht am 23.06.2020